"Der Viehhof war unser Traumort"

Ein Interview über glückliche Zufälle und die Kunst der rechtzeitigen Planung
 
Christian Stückl, Intendant, und Carsten Lück, Technischer Leiter. Vor sechs Jahren hatten sie einen Termin in der Stadt – und da fanden sie ihn: den perfekten Platz für das neue Volkstheater.
 

Interview: Christian Gottwalt / Fotos: Gabriela Neeb

Herr Lück, Ihre drei wichtigsten Gründe, weshalb das Volkstheater umziehen muss?

Carsten Lück: Platzmangel, Sicherheitsaspekte und Zukunftsfähigkeit.

Zukunftsfähigkeit klingt ein bisschen abstrakt.

Lück: Na ja, an manchen Stellen wollen wir uns noch ein bisschen ausdehnen.

Gibt es denn auch richtige Missstände?

Lück: Die Lagersituation und die damit verbundene Anlieferung ist ein echter Missstand. Hinten in der Augustenstraße, wenn morgens ein oder zwei 40-Tonner angefahren kommen, wird der Straßenverkehr deutlich beeinträchtigt.

Wie lange dauert das Ausladen der Bühnenbilder?

Lück: Eineinhalb, zwei Stunden. So lange ist die Augustenstraße einseitig gesperrt. Morgens zwischen 7 und 8 Uhr führt das zu einem absoluten Verkehrschaos und zu vielen ärgerlichen Passanten. Teilweise hofft man tatsächlich, dass da nichts passiert.

Die Nachbarn sind auch genervt – wegen den Werkstätten im Hinterhof und den Garagen, die das Volkstheater als Lager angemietet hat.

Lück: Manchmal müssen wir nachts abbauen und einlagern. Und weil das Lager im Nebengebäude untergebracht ist, rumpelt es in der Nacht und scheppert und kracht. Das ärgert natürlich die Nachbarn, besonders an Sonntagen und Feiertagen.

Christian Stückl & Carsten Lück / © Gabriela Neeb

Herr Stückl, mussten Sie schon mal besänftigend eingreifen?

Christian Stückl: Na, die Besänftigung überlasse ich dem Herrn Lück.
Lück: Und ich delegiere sie weiter. Wie ergänzen uns großartig.
Stückl: Die Situation hat sich nochmals verschärft, seit hinten im Hof ein Block mit Luxuswohnungen dazugekommen ist. Die neuen Bewohner ertragen das alles nur schwer. Sie haben sich teure Wohnungen gekauft und schauen nun in einen Hinterhof mit Lieferverkehr, der teilweise nachts um eins noch läuft.

Klingt nach einer verfahrenen Situation.

Stückl: Früher stand dort eine Fabrikhalle, die hätte man gut fürs Theater dazukaufen können. Die Stadtverwaltung wollte das aber nicht, weil ja das ganze Theater der Stadt nicht gehört. Wir haben sieben verschiedene Vermieter. Wenn da nur einer abspringt, funktioniert der ganze Betrieb nicht mehr.

Wo hakt es noch?

Stückl: Wir haben zu wenig Lagerfläche. Unsere Werkstätten sind auf vier Gebäude verteilt. Unsere Schreinerei ist eng und hat keine richtige Zulieferung. Wir lieben das Haus, es ist ein schöner Ort. Trotzdem sind wir froh, dass wir ein neues bekommen.

Könnten Sie drei Gründe nennen, warum das Volkstheater am angestammten Ort bleiben sollte?

Stückl: Darüber denken wir jetzt nicht mehr nach. Wir sind freudig erregt, dass wir ein neues Haus bauen.

Wie lange arbeiten Sie eigentlich schon an der Planung fürs neue Haus?

Lück: Wir haben lange überlegt, ob und wo wir hier neue Räume schaffen oder welche erweitern können. 2012 hatten wir einen Termin bei einem Architekten in der Zenettistraße. Dem brauchten wir nur über die Schultern schauen, dann sahen wir diese Brache im Viehhof. Könnten wir da nicht vielleicht? Da wäre doch ein Theater toll!

Unser Traumort! Für mich war das sofort der Favorit, der Platz schlechthin. Weil ein Theater ins Zentrum hineingehört.
Christian Stückl

 

Der Viehhof war tatsächlich der Wunschort von Ihnen beiden?

Stückl: Unser Traumort!
Lück: Christian hat schnell eine Zeichnung anfertigen lassen und sie dem Stadtrat präsentiert. Der ließ eine Machbarkeitsstudie erstellen, in der nach weiteren Standorten gesucht wurde. Aber am Ende hat sich der Stadtrat tatsächlich für den Viehhof entschieden.
Stückl: Für mich war das sofort der Favorit, der Platz schlechthin. Weil ein Theater ins Zentrum hineingehört.

Herr Lück, ein neues Theater plant man ja nicht nebenbei. Wie wirkt sich das auf Ihren eigentlichen Job als Technischer Leiter aus?

Lück: Im Moment gehen tatsächlich 70 Prozent meiner Arbeitskraft in den Neubau. Wir haben uns da nach und nach umorganisiert, der Produktionsleiter und der Werkstattleiter haben viele meiner Aufgaben übernommen.

Was wird in den kommenden drei Jahren bis zur Schlüsselübergabe noch auf Sie zukommen?

Stückl: Wir haben ja unsere Vorstellungen klar formuliert. Dass die Atmosphäre stimmen muss, dass sich die Leute in so einem Haus wohlfühlen. Erst gestern haben wir lange mit Arno Lederer, dem Architekten, gesprochen. Jetzt kommen seine Leute mit den Schreibtischen, mit dem Holz, das verarbeitet wird, mit den Farben. Da muss man aufpassen wie ein Haftlmacher, dass man jede Entscheidung mitkriegt, so dass man rechtzeitig sagen kann: Wir wollen nicht, dass hier lauter greislige Neonröhren drinhängen. Wir wollen nicht, dass es eine kalte Stimmung wird.
Lück: Aufgrund des straffen Zeitplans geht es jetzt tatsächlich schon um die Einrichtungsplanung. Um die Möbel – und wo sie aufgestellt werden. Obwohl noch nicht mal der Keller betoniert ist. Aber in den Werkstätten, den Garderoben und den Maskenbereichen sollen sich die Mitarbeiter ja mit ihren Bedürfnissen wiederfinden.

Und? Gelingt das?

Lück: Wenn ich zu den Abteilungsleitern gehe und frage: ‚Habt ihr mal den Grundriss der Schneiderei oder der Maske?‘ – dann sind die Feuer und Flamme. Sie freuen sich und machen neben ihrer normalen Arbeit gern noch diese Arbeit. Dann sitzen sie stundenlang da und überlegen, wie sie dies einbauen oder wo sie das noch hinstellen.
Stückl: Vieles ist im Entwurf ja nicht hundertprozentig ausformuliert worden. Wie sieht die Gastronomie aus? Was hat die für eine Farbigkeit? Oder vorne, im Altbau – da gibt es Räume, die sind noch nicht belebt. Können wir da vielleicht eine Kinderbetreuung unterbringen? Da werden wir noch ganz schön kämpfen müssen.

© Gabriela Neeb

Haben Sie sich ein Vetorecht verbehalten?

Lück: Die Stadt München ist Bauherrin und allen Beteiligten ist es wichtig, dass wir uns als Nutzer wiederfinden werden.
Stückl: Die Stadt macht aber auch ihre eigenen Vorgaben, etwa wenn ein Referat eine bestimmte Lux-Zahl auf den Schreibtischen fordert. Dann sage ich, dass ich keine überbeleuchteten Räume mag. Wir sind ja keine Schreibtischtäter, sondern wollen in den Räumen auch mal einfach rumsitzen und diskutieren. Da muss es atmosphärisch stimmen.

Wird das neue Haus den Stil des Volkstheaters verändern?

Stückl: Ein neuer Ort wird immer was verändern. Neben der großen Bühne wird es eine kleine Bühne geben, dazu eventuell eine bespielbare Probebühne. Wir werden eine andere Taktung finden müssen. Es werden mehr Mitarbeiter sein, mehr Schauspieler. Klar sind wir ein eingeschweißter Haufen und werden unseren Stil mitnehmen. Aber wir werden versuchen, uns da drüben nochmal neu zu erfinden.

Nehmen wir den „Brandner Kaspar“, den Dauerbrenner des Volkstheaters. Wird man einen Unterschied bemerken?

Stückl: Den Brandner spielen wir jetzt seit 13 Jahren, er hat schon über 220.000 Zuschauer ins Haus gebracht. Da gehen Leute rein, die haben ihn schon 50-mal gesehen. Und dann sagen sie: ‚Also beim letzten Mal war er aber anders.‘ Der Schauspieler, der den Brandner spielt oder den Boandlkramer, der ist ja auch an einem Tag lustiger drauf und am anderen Tag geht‘s im schlechter. Und so spielt er das dann auch. Aber im Großen und Ganzen wird das Stück drüben nicht viel anders werden als hier.
Lück: Die Kulissen werden wir angleichen müssen an die etwas größere Bühne, aber ansonsten wird der Brandner gleich bleiben.

Haben Sie schon eine Farbe für den Hauptvorhang ausgesucht?

Lück: Haha! Nein, haben wir nicht. Ein Hauptvorhang ist meistens rot, oder? Für den Brandner Kaspar wäre rot wahrscheinlich gut.

Was wird sich im neuen Haus fürs Publikum verbessern?

Stückl: Ich glaube nicht, dass sich da groß etwas verändern muss. Das Residenztheater, die Kammerspiele, das Volkstheater – jedes der Münchner Theater hat sein Stammpublikum. Bei unserem hoffe ich, dass sie alle mit rüber gehen. Aber es gibt auch welche, die sagen: Jetzt verlieren wir in der Maxvorstadt unser Theater! Denen sage ich: dann kommt’s halt mit! Für die wird es schon anders, weil sie sich an einen neuen Ort gewöhnen müssen.

Ermöglicht das neue Haus auch neue Stilmittel für die Regisseure?

Lück: Es wird eine amtliche Bühne, wenn man das so sagen kann. Sie wird eine komplette Ober- und Untermaschinerie haben und eine große Drehscheibe. Da sind natürlich andere Stilmittel möglich. Du kannst schnellere Verwandlungen machen, eine größere Bühnenfläche bespielen, auch die Hinterbühne einbeziehen, die ja oft gar nicht zu sehen ist. Du kannst den Zuschauerraum auf das Niveau des Bühnenbodens heben. Und besonders bei unserer zweiten Bühne verändert sich viel, weil sie tatsächlich eine echte Bühne wird. Sie wird dreimal so groß wie unser Nachtkastl werden und doppelt so viele Plätze für die Zuschauer bieten.

Was macht einen modernen, einen zeitgemäßen Theaterbau aus?

Stückl: Mei, das ist schwer zu sagen. Ganz schwer! Früher war das Foyer oder der Zuschauerraum immer auch ein Repräsentationsraum, hell erleuchtet und mit schönen Lampen. Ich sage immer: Die Geschichte passiert auf der Bühne, deswegen brauche ich den ganzen Brimborium nicht. Außerdem hat man früher um jede Bühne ein Portal gebaut. Das bauen wir auch wieder, aber man kann es ganz wegfahren. Es darf keine Barrieren zwischen dem Zuschauer und der Bühne geben. Wir möchten das Publikum so nah wie möglich ans Geschehen heranbringen. Komplett neu erfinden kann man die Theaterräume ohnehin nicht.

Es darf keine Barrieren zwischen dem Zuschauer und der Bühne geben. Wir möchten das Publikum so nah wie möglich ans Geschehen heranbringen.
Christian Stückl

 

Walter Gropius und Erwin Piscator haben es mit ihrer Idee vom „Totaltheater“ versucht. Sie wollten das Publikum um die Bühne herumführen.

Lück: Ja, etwa so wie in der Schaubühne in Berlin. Wir haben darüber gesprochen, sind aber wieder auf das klassische Guckkastentheater mit Seiten- und Hinterbühne und einem klar abgegrenzten Zuschauerraum zurückgekommen. Da sind die Möglichkeiten am größten. Bei uns können die Zuschauer künftig auch auf der Bühne sitzen. Wir werden sehen, wie wir damit umgehen.
Stückl: Für Experimente gibt es ja die Werkräume, in denen die Bestuhlung ganz offen ist. Ich finde es wichtiger, dass man sich nach der Vorstellung auf ein Bier zusammensetzen kann, dass man sich insgesamt wohlfühlt im Theater.

Das neue Volkstheater wird also ein bodenständiges und konventionelles Theater?

Lück: Was die Anordnung der Bühne betrifft, ist das so. Aber nicht von den technischen Möglichkeiten her und wie wir damit umgehen werden.
Stückl: Das Wichtigste beim Theater ist, welche Themen auf der Bühne verhandelt werden.

Ihr liebster Theaterbau?

Stückl: Das Burgtheater? Außen prächtig, innen schwierig. Die Kammerspiele? Da mag ich die Atmosphäre. Es gibt hässliche Theaterbauten und schöne, aber es gibt keines… Doch: ich mag tatsächlich am liebsten das Passionstheater.
Lück: Von außen betrachtet mag ich die Schaubühne in Berlin, von der technischen Ausstattung her das Erfurter Stadttheater. Aber das ist als Gebäude entsetzlich.

Welches Theater hätten Sie gebaut, wenn Sie völlig freie Hand gehabt hätten?

Lück: Das Volkstheater, so wie es jetzt gestaltet ist.
Stückl: Wann man völlig frei denken würde, sähe das Optimaltheater ein bisschen anders aus. Jeder der fünf Entwürfe des Wettbewerbs hatte etwas, wo er besser war als die anderen.

Arno Lederer, der Architekt, ist kein ausgewiesener Experte für Theaterbauten. Vorteil oder Nachteil?

Stückl: Es gibt ja nur sehr wenige neue Theaterbauten, meistens wird Vorhandenes umgebaut. Und deswegen gibt es unter den Architekten auch keine wirklichen Theaterspezialisten.

Was ist das Wichtigste, das Sie in Ihr neues Haus mitnehmen werden?

Lück: Unsere Mitarbeier.
Stückl: Das finde ich auch. Ob es unsere Schneiderin ist oder unser Schreiner – wir sind einfach ein guter Haufen.