Die Altbaufassade

Ausgabe 6, Dezember 2020
"Es ist eine Haltungsfrage, wie man mit dem Vergangenen umgeht. Wir wollen hier das Bestehende würdigen"
Levin Koch, Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei

Ein Loch in der Wand wurde mit Beton verschlossen, ein Fenstersturz erneuert, Bohröffnungen zugespachtelt. Hier und da fehlt der Putz und gibt den Blick aufs Mauerwerk frei. Und gleich daneben haben Sprayer ihre Spuren hinterlassen. Die Fassade sieht wild aus. Aber wer denkt, dass die Renovierungsarbeiten hier noch nicht abgeschlossen sind, irrt: Denn diese Wand wird genau so bleiben.

Nach dem Willen der Architekt*innen soll die Wand eine Geschichte erzählen: die Geschichte des Gebäudes. "Es ist eine Haltungsfrage, wie man mit dem Vergangenen umgeht. Wir wollen hier das Bestehende würdigen", sagt Levin Koch vom Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei. Und als Teil dieser Geschichte haben selbstverständlich auch die Grafitti ihre Daseinsberechtigung. Um diese Collage, diesen Stein gewordenen Flickenteppich zu schützen und ihn dezent zu vereinheitlichen, wurde eine farblose Lasur auf der gesamten Fassade aufgetragen. Wer oberflächlich schaut, wird sie nicht wahrnehmen. Die Alternative dazu wäre gewesen, die Rückwand der denkmalgeschützten Altbauten von Grund auf zu verputzen und neu zu streichen. Der Innenhof des neuen Volkstheaters hätte dann schön einheitlich ausgesehen – aber auch ganz schön langweilig.

© Gabriela Neeb

© Gabriela Neeb

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